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Spiritualität


Sie war verwandelt, umtänzelte ihn. Wie eine prächtige Katze schlich sie zwischen der schwindenden Helligkeit und dem Dunkel der Bäume hindurch. Ihre Haut war gefleckt, war das Fell einer Leopardin. Die Augen hoben sich grün ab in dem halben Licht. Deviant spürte das Wissen um Vergänglichkeit - ein Pendel, das wie eine tiefe Deutung, eine Ahnung, in ihm auftauchte - eine Erinnerung an ein vorheriges Leben, ein Taumeln zwischen den Welten.

‚Hilflos und wirr sind wir dem Haltlosen, dem Schlingern in der Ungewissheit ausgeliefert’, dachte er. Auch sie, diese wundersam gezeichnete Gestalt, war von diesem Ahnen fortgerissen worden - fort von dem Betrug des Greifbaren, dem Dunklen, Schweren - hinauf in die Vorstadien unserer Ursprünglichkeit, in die zeitlosen Beziehungen der ewigen Lichtwesen.

Dort, im Strahl der Unendlichkeit, schwang die Urkraft, die unsere Angst zerstoßen konnte, diese Angst, die aus dem Irrglauben erwuchs, unser Sein wäre vergänglich und würde verfaulen mit unserem Leib und wir seien den Pathokraten für immer ausgeliefert. Es gab eine Schwingung, die unser Selbst, unsere Seele erheben konnte, in die Heimat der ewigen Sterne. Das sagte ihr Blick in diesem Moment, der doch auch die Dunkelheit kannte, das erdenschwere Eingepflocktsein in der Pferche der stetigen Knechtschaft.

„Glaubst Du an ein Leben nach dem Tod, Deviant?“ Sie schaute ihn fest an …, sie, die einen so fernen Blick gehabt hatte. Das Smaragdene ihrer Iris war einer Wiese gewichen … Blau dahinter. Die finsteren Flecke zerstaubten in Millionen helle Atome, spannte ein Gemälde auf ihre Netzhaut, das von ihrer Seele, ihrem Innersten, in eine neue, ureigene Welt getaucht wurde - dem „Jetzt“. Ständig tanzten in ihren Augen neue Farben ineinander. Sie schien befreit von ihrer Ohnmacht, die ihr, wie eine mächtige Klaue, die Adern zugeschnürt hatte.

„Ich glaube, das Leben ist ein steter Wandel, eine stetig steigende Spirale“, sagte Deviant. „Unser Geist, unsere Liebe, unser Fühlen sind zu vielfältig, zu weit, als dass sie hier, in diesem einen Atemholen auf Erden mit dem Körper zu Staub würden. Wir könnten uns wieder sehen, Innocentia, ohne dieses höllische Haus dort, diesen Sumpf hinter uns. Wir könnten bunte, tanzende Flocken sein, sphärische Gesänge, bestehend aus Luft und Licht und immer wandelbar, ohne Substanz, nur dem momentanen Herzschlag ergeben.“ - „Sind wir eine große Illusion, Deviant?“ - „Vielleicht - aber wir sind wirklich, wenn wir im Augenblick verankert sind. Nur dann. Die Außenwelt, die manipulierte, all das Gesteuerte, Getrennte, Geblendete, das ist Imagination. Die Genarrten haben jeden Sinn für unser Dasein verloren. Die Menschen glauben, dieses Theater wäre die globale alternativlose Wahrheit.“ - „Es gibt keine Wahrheit, nur die ewige Weisheit, Deviant.“ - „Ja, die das Lebendige seit Jahrmillionen zusammensetzt. Sie lebt in unseren Herzen. Wir können sie fühlen, aber nicht benennen. Die Herde hat sie begraben. Jeder hat sein eigenes Netz aus Lügen und Angst darüber gespannt. Wie winzige Fliegen zappelt sie darin und sterben erbärmlich. Sie haben ihre Verantwortung für sich selbst und andere abgegeben, haben sich freiwillig ausgeliefert.“

Sie liefen still nebeneinander. Die Sonne lag in einem silbernen Fließ, das seidenen Glanz ausatmete, der sich mit allem lebendigen im Park verband. Innocentia fragte: „Und wir? Haben wir es auch verloren, das intuitive Spüren der Situation, das tiefe Empfinden, das Richtige zu tun, unabhängig von den konstruierten Rechten und Rechthabereien?“ Er blieb stehen, sah sie an, sagte: „Nein, wir nicht. Du nicht und ich nicht – nein - noch nicht. Aber alles duckt sich in die geraden Straßen, die empfohlenen Beziehungen, die beschriebenen Pflichten, die kranken Sinnesarten. Ein Käfigidyll, ein Warten bis zum Rentenalter, mit immer gleichen Tagen, zugedeckt von Irrungen und Abhängigkeiten, wurzellos - und mit Sturheit und Bitternis gegen das Leben verdichtet. Die Menschen können sich nichts Gutes beibringen. Zwischen den Generationen geht es verloren. Es bleiben nur Bücher.“

„Die helfen nicht. Sie sind zu weit, zu mühsam. Die Hierarchien bleiben. Das Oben und Unten.“

„Ja, Innocentia, wie recht du hast. Sie müssten die Wörter fühlen …, aber dann würden sie zu groß, zu nahe …, dann bliebe keine Ausrede mehr. Es ist die eigene Feigheit, die uns unterwürfig macht und immer brennt diese Schändlichkeit den Geist zurück in unseren aderlosen Wachskörper.“

Sie standen ganz nah beieinander. Mit flüsternden Lippen sprach sie in seinen Schatten hinein.

„Es gibt eine Bestimmung im Leben, Deviant. Für jeden. Einen höheren Plan, eine universelle, kosmische Führung und Gerechtigkeit. Niemand kann ihr entfliehen, in keinem seiner vielen Leben. Wir müssen unseren Weg erkennen, ihm folgen, uns entscheiden. Unsere Aufgabe ist es, uns zu entscheiden, zu lernen und Liebe zu geben. Um unser Ziel zu finden, dürfen wir nicht fremdbestimmt sein, dürfen uns nicht von der Dunkelheit einfangen lassen. Wir müssen aufhören, uns an Sicherheiten zu klammern, die es nicht gibt; wir müssen die schweren Säcke der Lügen abwerfen, müssen loslassen …, loslassen, wo wir uns falsch fühlen. Wenn unsere Seelen erwacht sind, werden wir uns selbst vertrauen und die Angst vor dem Leben verlieren.“

… Deviant schaute sie an, sagte: „Du hast mir beigebracht, dass vor dem anders sein die mentalen Tode kommen und wir aus dem Kopf ins Herz gehen müssen. Es gibt nicht nur Gut und Böse. Es gibt immer die einen die es tun und die anderen die es zulassen.“

… Der schwere, alte Verstand der Eisenzeit wich aus ihnen und sie fühlten, dass alles was sie als Wirklichkeit eingestanzt bekommen hatten, anders sein konnte … Ja. Alles könnte auch anders sein!