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„Da sind Sie ja schon, kommen Sie rüber zur Sitzecke. Kaffee?“

Die Luft war eng, mit Überfluss verstopft. Blei brauchte eine kurze Zeit, um den fahlen Geruch ohne Mühe einzuatmen. Durch die Leblosigkeit hindurch redete Meläna gut gelaunt von den brillanten Zahlen an der Börse.

„Und Sie, mein Lieber, haben daran Ihren Anteil. Wir werden unseren Aufwärtstrend noch steigern und einige hohe Herren von nebenan“, er nickte mit dem Kopf zur Regierungszentrale, „wollen ihre Privateinlagen erhöhen und die Kosten gesenkt sehen. Die haben uns neunzig Prozent aller Gelder für unsere Prestigeobjekte als Fördermittel rüber gereicht. Das deckt bei weitem alle unsere Kosten. Von den stimulierenden Mitteln mal abgesehen. Die fordern jetzt ihren Lohn. Wir haben großzügig gerechnet. Da sind für jeden noch eine Menge Appetithappen drin. Diese Politiker bedienen sich natürlich ausgiebig. Aber mir soll`s recht sein.“ - „Was meinen Sie damit?“

„Blei, Blei. Manchmal frage ich mich, ob Sie wissen, wie das Geschäft funktioniert. Wir pumpen den politischen Entscheidungsträgern die Hosen voller Geld, bis ins dritte Untergeschoss ihrer uferlosen Hierarchie. Man weiß nie, wozu man diese Hinterbänkler mal brauchen kann. Die sind besessen von Geltungsdrang und Gier und köpfen jeden, den sie können, wenn es ihnen dient. Eine hungrige Meute, die sich leicht lenken lässt, wenn sie genügend Futter hinschmeißen. Wir bekommen die Generalaufträge, dafür gibt es Aufsichtsratsposten für diese Aufgestelzten. Müssen sich aus den Entscheidungen raushalten. Dafür dürfen sie vor die Kameras, den Unsinn von dem harten Kampf um die Arbeitsplätze verbreiten. Außerdem muss die Justiz alles absegnen, das lässt diese gefräßigen Grillen im rechtsfreien Raum schweben. Bald bin ich Minister und oberster Richter. Dann sind die Wege noch kürzer.

Wir wollen nun, lieber Blei, unsere Gewinne maximieren, haben eine neue Strategie. Sie bekommen eine verantwortungsvolle Aufgabe. Ist die Arbeit getan, erhöhen wir uns die Vorstandsgehälter, den Sesselfurzern ihre Diäten, verkaufen den Eseln draußen mit den Freunden der Presse den ganzen Mist als Aufschwung oder Reform und alle sind zufrieden. Wir drücken die Hebel, Blei. Diese ganze muffige Stadt gehört uns, jedes Haus, jede kleine Fratze … auch das Land - und wir weiten das Areal. Wir expandieren und verdienen wieder. Wir werden mit den satten Gewinnen von dem sozialen Bausäckel Hilfsprojekte in Kriegsgebieten anschieben, Blei. Da klebt das ganz große Geld. Unsere Helfer und Partner sorgen für die Krisen, damit für den Absatz. Jeder wird beliefert. Wir sind neutrale, seriöse Händler im Staatsauftrag. Die Toten, die Morde, das Elend - alles nicht unser Bier. Die Rüstungsindustriellen wollen, dass ihr Kram zum Einsatz kommt, der muss zerstört werden, damit die weiterproduzieren können. Auf dieser Ebene gibt es keine Feinde. Ein nie versiegender Kreislauf. Eine gigantische Bereicherungsmaschinerie.

Und danach, wenn alles zerbombt ist und in Trümmern liegt, bauen wir auf. Human versteht sich. Milliarden sage ich, Milliarden! Wir helfen bei der Rohstoffplünderung? Aber gern, natürlich, sehr gern. Wir helfen! Natürlich brauchen wir die Justiz, auch die Politiker - alle Segensgeber. Einige Gesetzesänderungen, die Pressemeute und so weiter … Alles läuft zu unserer Zufriedenheit. Übrigens seit vielen hundert Jahren sehr erfolgreich. Wie ist der Kaffee? Direkt von unser firmeneigenen Plantage. Als Dank für unsere Entwicklungshilfe.“

„Sie spielen Gott.“ - „Nein, Blei, wir sind Gott und Sie dürfen in unserem Olymp wohnen. Einige Stufen tiefer, aber voller Privilegien. Haben Sie Ihrer reizenden Frau zu verdanken …

Wieder lachte Meläna, brummte zufrieden, schmatze selig, wie ein sattes Kind. Er stand auf, ging geräuschlos durch den gläsernen Raum. Seine zufriedene Maske täuschte Blei nicht. Jetzt umkreiste er ihn, die Arme wie Katapulte hinter dem Rücken verspannt.

„Sie meinen die geleasten Menschen?“ - „Das sind Zeitarbeiter, Blei. Mensch, verquatschen Sie sich bloß nicht. Was kosten die uns?“ „Mit Vermittlungsprovisionen circa fünf Taler die Stunde. Davon bekommen die Abgestellten zwei.“ - „Im Verhältnis sind die ja richtig satt. Arbeiten bei Tag und haben keinen Abzug für Unterbringung. Verdienen mehr als die Lurchen im Dunkeln. Gut, das regle ich selber mit den Verleihbossen. Richtige Halsabschneider sind das. Nun zum größten Posten, den Subunternehmen.“

„Denen müssen wir angemessene Verträge anbieten.“

„Schon klar, Blei, wegen der Öffentlichkeit. Wir sind ja schließlich die Guten und fördern die Arbeit. Aber Papier ist geduldig. Meine schwarzen Wölfe lauern schon.

Unsere Verträge mit den Kleinfirmen sind ein kompliziertes Netzwerk von Fallen, ein Minenfeld, das diese Deppen niemals durchschauen, meist verwurstelt mit der öffentlichen Hand, die knochenhart ist. Bezahlen selten. Die machen uns das vor. Da müssen wir auch härter werden. Gut, für die ist es leicht, müssen nichts erwirtschaften, brauchen sich nur zu bedienen, klar, dass da keiner raus will. Also, drücken Sie die Auszahlungsanteile für die Suppis.“

„Wie soll das gehen?“ - „Ich habe Ihnen bereits Spezialtrupps organisiert, da ich Ihre dämliche Fragerei und Gedankenschwere vorausgesehen habe. Wenn die Firmen ihre Arbeit nicht korrekt ausführen, gibt es kein Geld! Nacharbeit muss in kürzester Zeit geschehen. Steht in den Verträgen. Der Schaden muss so groß sein, dass die ordnungsgemäße Fristeinhaltung unmöglich wird. Außerdem werden Sie das nächste Gewerk reinschicken. Wir bezahlen nicht und fordern Schadensersatz. Die Abnahme machen Sie mit denen, kündigen die Verträge. Und schmeißen Sie noch ein paar Leute von unserem Logistikteam raus. Die haben ihren Job gemacht. Sitzen doch hoffentlich nur auf Praktikantenstellen oder Projektverträgen. Wir wollen bald ein großes Fest geben.“

Jetzt sprang das Raubtier ihn an. Der Angriff kam unerwartet. Melänas Stimme fauchte, seine Augen waren Schießscharten, schmal, zentriert. Über dem kantigen Schädel spannte sich die braune, fleckige Haut wie ein angegossenes Visier. Er war der Magnat, der kein Zögern duldete. Wie Sumpf schluckten die Jahrhunderte alten Teppiche das Zischen der scharfen Wortklingen.

Blei spürte einen schmerzhaften Druck im Kopf, der durch die Ohren in sein Hirn raste. Ein hartes Surren, wie gespannte Seile, wie Fesseln, die festgezurrt wurden. Er stemmte sich dagegen, zwang sich zu gelassener Akzentuierung.

„Bis jetzt gibt es wenige Mängel, die Leute arbeiten gut. Die alten Meister verstehen ihr Handwerk.“

„Mensch Blei, dafür haben wir meine Truppen!“

„Sie meinen … Sabotage auf unserer eigenen Baustelle?“

„Sabotage, Mensch Bauleiter, was für ein böses Wort. Die Truppen sollen nach dem Rechten sehen …, sind halt Tölpel. Da geht schon mal ein bisschen Porzellan kaputt. Verschwiegene, verschlossene, vulgäre Jungs. Ein bisschen - wie soll ich sagen - tollpatschig, aber zuverlässig.“

Blei schaute in das Gefräß seines Gegenübers - grinsend, gepudert, selbstzufrieden. Wozu sollte das alles gut sein?

„Doktor Meläna, das sind abartige, illegale Mittel. Es sollte andere Wege geben.“

„Werden Sie erwachsen, Mann. Was heißt hier illegal? Was heißt hier, andere Wege? Wir bestimmen, was legal ist. Wir geben die Richtung vor. Bald bin ich Justizminister. Ich bin dann selbst das Recht, die Legalität in Persona. Gesetze werden von Menschen gemacht, genau wie Wahrheiten und Streitigkeiten.“ Verächtlich zogen sich seine leblosen Lippen quer durch das fahle Gesicht, wie ein vernarbter Schmiss.

„Alles entspringt unserem Kopf. Mein Hund schert sich einen Dreck um solche Definitionen. Der will fressen und es warm haben und wartet auf seinen Tritt. Was wird Ihre Frau sagen, wenn Sie kneifen? Sie schaffen es nie, wenn Sie so zimperlich sind. Es gibt viel weniger Sieger als Verlierer. Sie haben zumindest die Chance, einen profitablen Job zu behalten. Also los, Mann.“

Melänas schwarze Augen glühten fassungslos. Blei wusste - für den gab es keine anderen Gedankenbahnen mehr. Der glaubte an seinen Gott, an sich, seine Macht, die Herrschaft seines Denkens und Handelns. Er war der Magnat, sah sich als Pharao des letzten Reiches, ein Lederherz, ein Vorzeigepathokrat.

Blei stand auf, schaute durch die abgetauten Scheiben auf die riesigen Gerüstkräne und Hochhauspyramiden. Sie standen wie vergessene, halbfertige Spielzeugtürme in den klebrigen Straßen. Alle Ritzen voller Bewegung, Surren, Krabbeln.

Wirklich. Menschen sind Ameisen, von hier oben betrachtet. Das ist seine, des Sonnengottes Perspektive. Aus klimatisierten Räumen, durch geräuschgeschützte Fenster, sieht er seine Realität. Auf dieser baut er seine Entscheidungen und Gedankenbahnen auf. Ein General im Sandkasten, der Menschenleben in Haufen isoliert, verschiebt, vernichtet. ‚Diese perverse Machtkälte‘, dachte Blei.

„Ich plane nicht alles durch, damit sie hier herkommen und mich nach Richtigkeiten fragen. Meinen Sie etwa, ich muss mich vor Ihnen rechtfertigen? Sie haben ja sogar Angst vor Ihrer Frau.“ Verächtlich verzog er seine engen Lippen. Sie sind abhängig, von ihr, von mir und von den Launen Trichines. Sie können nicht wählen. Sie sind ein Knecht! Hören Sie! Ein Knecht. Also, Knecht, reißen Sie sich zusammen und machen Sie Ihren Job. Dann vergesse ich das Gespräch. Ansonsten schmeiß ich Sie raus, mit Hausverbot. Sie sind in fünf Minuten vor der Tür, werden dieses Haus nie mehr betreten und die Presselakaien erfinden so bizarre Geschichten, dass selbst die Köter draußen einen Bögen um sie machen! Dann sind sie tot! Verstanden?“

Blei drehte sich um. Er hatte im Spiegel der Scheiben bemerkt, dass Meläna aufgesprungen war, gestikulierte. Er roch den bitteren Atem in seinem Nacken. Vor ihm klaffte die eisige Schlucht der Straßen. Groß und erhöht erschien das Bild in seinem Rücken. Ihn ekelte die durchsiebte Luft, dieser überblitzte Schnick-Schnack, all das Silber an den Scheiben, das Gold der Rahmen, die offenen Drohungen und seine Hilflosigkeit. ‚Sie können nicht wählen’, zuckte es durch seinen Kopf. ‚… Knecht…’!

„Ich werde es tun. Lassen Sie mich gehen.“

„Natürlich, mein Lieber. Trinken Sie Ihren Kaffee, gepflückt in der Nähe des Paradieses. Ich werde dafür sorgen, dass Sie auch mal dahin fahren. Ausspannen.“

Meläna war in den riesigen Ledersessel gerutscht. Eingeschlungen in eine rote Samtdecke wie in einen Zenturioumhang, verschmolz sein Körper zu einem breiten flammenden Bildnis der Macht - von einer lebensfremden, untergehenden Sonne übergossen. Er lachte, schüttelte sich wie ein Beben, das den Turm zum Schwanken brachte. Vielfach vergrößert warf die Spiegelung der Scheiben die Gestalt wie einen rauen Teppich aus der Dämmerung des Zimmers über die gesamte Front, über den zusammengeduckten Blei, über die Hochhäuser und die Gassen und Hütten der fernen Ringe, bis an den künstlichen Horizont, hinter dem das Todesrad des Krieges funkend raste. Über allem rüttelte der irre Krampf, das keuchende Lachen, der zerfließende giftige Schatten Melänas, dem Herrscher der Herde, dem Herrscher der kranken Welt.