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Das Geheimnis


„Er will mich besuchen, Schwester. Das ist doch wohl erlaubt“, rollte der vertraute, tiefe Bass von Oberarzt Logos, während er genüsslich den Rauch des Zigarillos durch die Nase dampfen ließ.

„Das werde ich mit dem Chef klären. Sie wissen, dass solche unangemeldeten Besuche unerwünscht sind und nicht den Hygienebestimmungen entsprechen, genauso wie Ihre Raucherei. Hier haben Fremde nichts verloren.“

„Ihre Haare sind schlimmer.“ - „Was meinen Sie?“ Sie war verwirrt.

„Hygienisch, meine ich.“ - „Wieso? Mein Haupt ist immer gepflegt und abgedeckt.“

„Ich finde ja Ihren Püschel aufreizend, Verehrteste, aber die Hygiene, die Hygiene …“ Er blickt über ihren Kopf, zog die Augenbrauen nach oben, bis sie hektisch empor griff und stotternd ihre Haare unter die Haube stopfte. „Das hätten Sie mir gleich sagen können. Das ist eine Ausnahme. Sie wissen, wie sehr ich darauf achte und …“

„Schon gut, schon gut. Gehen Sie jetzt bitte auf die Station drei. Sehen Sie nach dem Rechten, vor allem bei den frisch Operierten.“

„Ja, aber zuerst muss ich noch mal verschwinden. Der Professor muss ja nicht alles wissen, oder?“ Sie zupfte weiter an ihrem struppigen Schopf. „Meinen Sie meine Zigarillos?“

„Bei dem Stress kann Ihnen das Rauchen keiner verdenken.“

„Sie sind eine kluge Frau. Sehr anpassungsfähig. Eine moderne Tugend.“

Schon flog die Tür zum Aufenthaltsraum mit einem Knall zu, unter dem ihr „Danke, Herr Oberarzt“ zerriss.

„Kommen Sie, mein Lieber. Schön, dass wir uns so schnell wieder sehen. Aber sicher suchen Sie nicht mich, oder?“ - „Nicht direkt, ich weiß nicht so recht, was ich hier treibe. Verstehen Sie?“

„Vielleicht. Kommen Sie in mein Refugium. Sie kennen mein Büro ja bereits. Das liegt im Keller. Die Räume sind als Souterrain ausgebaut. Die Glastür geht direkt in den rückseitigen Garten hinaus. Wenn Sie mich einmal suchen sollten, schauen Sie zuerst von außen, ob Licht brennt oder Dampf aufsteigt. Dann bin ich hier und Sie können ganz offiziell über die Parkwege kommen. Manchmal ist das Erdgeschoss versperrt, dann können Sie über die Dachrinne zu mir hinunter.“

„Oder durch den Schornstein.“ - „Vielleicht, mein Lieber, aber der ist in der Regel für die Damen reserviert. Ich muss sie dann minuziös durchwaschen, wegen der Hygiene.“

„Ein sehr paragraphensicheres Handeln. Sie bekommen dafür bestimmt viel Lob.“ - „Sie kennen sich aus mit den Gewalten.“

„Haben Sie jetzt Dienst?“ - „Ja, natürlich. Was soll ich bei diesem tristen Tag woanders? Meine Katakombe ist bequem und meinen Bedürfnissen entsprechend eingerichtet. Es ist nicht weit bis zur Hölle.“ Überall standen Bücher in den eingelassenen Regalen.

„Ich sehe keine Fachliteratur.“

„Was wollen Sie mit klugen Sachlichkeiten anfangen, wenn Sie auf die armen Teufel aufpassen müssen, die unserer Logik längst entrückt sind. Die reden in einer Sprache, die in keinem Skript steht. Sie sind weit hinter einer Grenze, die für uns verschlossen bleibt. Ich finde es dumm, schlau sein zu wollen und als akademische Spitzfindigkeiten zu heroisieren, was als Geheimnis so weit über unserem Dilettantismus schwebt, solange wir nicht einmal verarbeiten können, was unser profanes Gegenüber sagt. Lächerlich und anmaßend sind wir, stehen immer in unserem selbstgeschaffenen Dilemma.“

„Das ist die geschlossene Psychiatrie?“

„Ja, da staunen Sie, was? Hier sind die echten Irren zu Hause. Wir domestizieren sie mit barbarischen Mitteln und ich bin der Dompteur. Vielleicht kriecht ihre Wehrlosigkeit durch die porösen Wände direkt in meine Augen. Deshalb rauche ich so viel, tarne meinen Blick.

Sie trinken einen Schluck mit?“

„Was ist das?“ - „Schwarzer Kaffee mit Cointreau.“ ‚… wie Blei’, dachte Deviant.

„Cointreau, das Getränk der Unglücklichen …“

„Gerne.“ - „Kommen Sie hier herüber.“

Seine Sprache war hart und klar und laut. Sie war anders, er war anders, jetzt, wenn er durch das kalte Fenster, auf dessen Glas die Schreibtischlampe wie eine schwarze Sonne funkelte, in das Nichts starrte.

„Verehrter Logos. Beim letzten Mal wussten Sie nicht viel über die junge Frau zu sagen. Höre ich heute mehr?“ Deviant flüsterte und schaute ihm in die Augen.

„Sie sollten sich da nicht so reinsteigern. Die Beiden stehen unter keinem guten Stern. Sie können nicht helfen.“

„Doch, ich kann. Glauben Sie mir, ich kann.“

„Warum interessieren Sie sich so für dieses Mädchen? Sind Sie ein Verwandter?“ Der Arzt sah ihn betrübt an. „Sie lieben sie.“

„Was geht Sie das an!“ brüllte Deviant schroff zurück.

„Verzeihen Sie, Sie sind auf meiner Seite, ich fühle es.“

„Ich helfe Ihnen, ich weiß noch nicht wie, aber ich helfe Ihnen.“


Deviant betrat den Stadtpark, ging langsam einen Kiesweg entlang, die Steigung hinauf, bis die Baumkronen das Gestöhne der City verschluckten.

In ihm zitterte noch die kalte, hinterrücks erzeugte Tristesse der synthetischen Stadt und er wusste: ‚Hier im ewig gewiegten Gras kehrt alles Lebendige zurück'.

Auf einer Bank, deren Armlehne zwei eiserne Kraniche darstellten, saß er ganz ruhig - ganz ruhig - in sich geschlossen, zwischen dem Fließen der Farben.

Dazwischen standen und hockten Kinder, bewegten sich bedächtig und verbogen teilnahmslos die Zeit. Der schmale Rücken einer zierlichen Frau lehnten dicht am Zaun. Mit graziler Bewegung band sie einen roten Schal um sich.

Er ging näher zum Gitter heran, noch näher …, jetzt roch er das kalte Eisen, fühlte die klamme Nässe der Stäbe in seinen Fingern.

Die Frau drehte sich um. Einen Pulsschlag lang nur trafen sich ihre Augen auf einem gemeinsamen, unendlich weiten Strahl, der ihn durchraste und dessen helles Zucken sogleich Schmerz wurde. Er warf diesen Blick nieder, atmete hart, sagte mühsam: „Guten Tag.“

Die Unbekannte nickte nur kurz, ging einige Meter weiter, um eine kleine Seitentür im Zaun zu öffnen - und die Kinder schlüpften wie junge Rebhühner in das Gras des Parks. Stumm raschelten sie durch die Wiese, auf welcher die Schatten der tanzenden Baumkronen ein bizarres Spiel von Licht- und Schattenflecken strichen - leises Summen stieg von den Kleinen auf wie dünner Rauch.

Die Schwester, welche die Kinder betreute, war nun auf Deviants Seite - und er ging ihr entgegen, stand neben ihr, alles ohne zu überlegen oder es beeinflussen zu können.

Ein Rotschopf schob sich von dieser strahlenden Frau mutig in seine Richtung vor, umstapfte ihn - ein Schritt, zwei, stand ganz nah - und streckte seine kleine weiße Faust empor, öffnete sie langsam zu einem hellen Fächer, betupfte den hängenden Arm des fremden Mannes, der unsicher lächelte und in das Blinzeln des Winzlings schaute. Weiche Wellen durchschossen ihn.

Deviant strich dem Jungen über die stumpfen Haare, während die Fremde dem Neugierigen zuflüsterte: „Geh’ Kleiner, lauf rüber zu den anderen, lauf …“

Sie schob ihn sanft in Richtung der wispelnden Schar und berührte für einen Augenblick die Finger Deviants, der seine Hand ruckartig, wie von einer heißen Platte zurückzog. Ein Blitz entlud sich, der in jede seiner Milliarden Zellen flammte – Glut stand in seinem Gesicht, stand in seiner reglosen, roten Lunge …, er starrte in das wiegende Glitzern des Lichtes – und nirgends mehr Begriffe … Seine geschlossenen Augen ließen den heißen Schauer noch für einen Augenblick durch das Blut kreisen, dann holte ihn ihre kühle Stimme zurück: „Es ist schön, wenn Kinder in der Natur sein können. Die Sonne heilt ihre inneren Wunden“.

Jetzt nickte Deviant stumm, blickte fort - und sah zwei schwere Limousinen auf das Portal des Haupthauses rollen. Massige Walzen. Sie kamen von einer Seitenzufahrt, die er nicht einsehen konnte und parkten längsseitig vor der Einfahrt. Silber. Grau. Metallisch. Edle Kanten und Griffe.

Die Wolke der lethargischen Kinder explodierte. Fliehen! Fort! Flucht!

Die junge Frau scheuchte die blassen Gesichter mit kreisendem, wirbelndem Winken in Richtung Flachbau, einem Nebeneingang zu, als triebe sie Küken in Käfige, „rennt, rennt …“, schrie sie, sich schreckhaft nach den Autos umsehend. Angstgesichter! „Schnell! Schnell!“ Flucht! Flucht!

Ihre Worte standen wie riesige Fahnen. Sonst kein Geräusch. Leichenhafte Lautlosigkeit überspannte die gespenstische Hast. Die letzten erschöpften Kleinen schlüpften durch den Türspalt, den sie aufhielt - eine Glucke - die selbst tönern stehen blieb, schaute und dann die Pforte wie einen Schild vor sich und die verschluckten Winzlinge zog.

Deviant stand reglos. ‚Was hat es mit diesem Klinkerbau auf sich, mit der Frau, den merkwürdigen Kindern, diesen Limousinen?’

Schräg gegen die Autos streifte er durch das Wäldchen, einen getretenen Pfad entlang, bog Äste und Gesträuch zurück, bückte, duckte sich - voran, voran. Dann stand er auf der verdeckten Seitenstraße, stand vor mächtigen Stelen aus grauem Beton und einem riesigen Stahltor. Baumhoch. Bleiern. Bedrohlich.